Wie bereiten sich Dolmetscher auf eine Konferenz vor?

Wenn die vertraglichen Modalitäten geregelt sind, bereiten sich professionelle Dolmetscher gewissenhaft auf einen Einsatz vor und bitten schon im Vorfeld den Kunden oder den organisierenden Dolmetscher, oft ein Kollege,  um Vorbereitungsmaterial. Nehmen wir einmal an, es handelt sich um eine zweisprachige  Mitgliederversammlung eines Verbands für Physiotherapie, für den der Dolmetscher bisher nicht im Einsatz war.  
Grundlegende Informationen sind die Tagesordnung  mit den Namen und Funktionsbezeichnungen der Redner und den Titeln der Präsentationen sowie eine Teilnehmerliste. Sollten die Präsentationen der einzelnen Redner für die Konferenz noch nicht verfügbar sein, machen Dolmetscher eigene Recherchen und arbeiten die Webseite des Verbandes mit hinterlegten Dokumenten durch. Parallel beginnen die Profis mit der Zusammenstellung eines fachspezifischen Glossars. Dieses  kann sowohl spezifische Bezeichnungen des Verbands (z.B. der einzelnen Gremien), Abkürzungen  als auch medizinische Termini aus dem Bereich der Physiotherapie enthalten. Sollte ein Dolmetscher dabei auf weitere Begriffe oder Sachverhalte treffen, die ihm unklar sind, recherchiert er diese ebenso. Falls die Webseite keine fremdsprachige Version enthält, muss der Dolmetscher diese Termini selbst übersetzen.  Anschließend versucht ein Konferenzdolmetscher weiteres Sekundärmaterial im Internet zu recherchieren. Ebenso nützlich sind Dokumente (Präsentationen oder Protokolle) aus vorherigen Sitzungen.
Endlich kommt der große Tag. Erste  Präsentationen treffen  ein, damit wird der Einsatz immer konkreter. Gehen wir einmal vom Idealfall aus, wir befinden uns eine Woche vor der Konferenz. Die Dolmetscher arbeiten die Präsentationen, wie bereits oben beschrieben, konzentriert durch, markieren dabei Eigennamen, Zahlen oder übersetzen wichtige Begriffe in der Präsentation. Bei Simultaneinsätzen in der Kabine haben Dolmetscher  wenig Zeit. Alles muss sofort präsent sein.  Sollte es sich um eine komplexe Rede handeln, übersetzen die Dolmetscher den Text schon einmal grob im Vorfeld. Anschließend werden diese Begriffe ebenfalls in das fachspezifische Glossar eingetragen. In der Realität werden die  Präsentationen allerdings sehr kurzfristig verschickt. Viele Redner feilen bis zur letzten Minute an ihren Präsentationen, so dass sie die Texte erst am Konferenztag in die Kabine hereinreichen. Dann können die Dolmetscher den Text nur in der Pause überfliegen. Andere Redner können sich schlichtweg nicht vorstellen, dass Dolmetscher Vorbereitungsmaterial benötigen. Obwohl sich Dolmetscher auf verschiedene Fachbereiche spezialisiert haben, sind sie im Vergleich zum Redner keine Fachexperten. Ihr Hauptwerkzeug ist die Sprache. Je mehr Input ein Dolmetscher erhält, desto flüssiger wird die Verdolmetschung.
Während der Vorbereitungszeit ist der Dolmetscher idealerweise mit dem Kabinenkollegen, mit dem er den Einsatz  übernimmt, in Kontakt. So können sie das erstellte Glossar abgleichen oder Sekundärmaterial zu dem Thema  austauschen. Vielleicht kennt der Kollege den Kunden auch bereits und kann damit wertvolle Tipps geben.
Am Vortag  wiederholen Dolmetscher die Begriffe aus dem neu erstellten Glossar, ordnen die Konferenzunterlagen, drucken eventuell einige Seiten aus und machen sich mit der Anreise zum Konferenzort vertraut. Ein neuer spannender Einsatz wirft seine Schatten voraus. …

Sprachen in der Schweiz

Im Jahr 2017 dolmetschte ich bei einigen Konferenzen in der Schweiz. Da in Deutschland bedauerlicherweise wenig über die Schweiz berichtet wird, möchte ich diesen Beitrag mit ein paar Zahlen und Informationen untermauern. Die Schweiz hat ca. 8,3 Millionen Einwohner.  Zur Verteilung der Sprachen findet man auf den Internet-Seiten der Schweizer Eidgenossenschaft (1) folgende Informationen:
Für etwa 63% der Bevölkerung ist Deutsch die Hauptsprache. Dabei handelt es sich um ein Gemisch alemannischer Dialekte, die unter dem Begriff „Schweizerdeutsch“ zusammengefasst werden. Zwischen einzelnen Regionen gibt es bedeutende dialektale Unterschiede. Schweizerdeutsch ist keine Schriftsprache. Für den Schriftverkehr bedient man sich des Hochdeutschen.
Etwa 22,5%  der Bevölkerung sprechen Französisch. Sie wohnen hauptsächlich im Westen, der sogenannten welschen Schweiz. Jede Region hat ihre Eigenheiten, dennoch weicht das Schweizer Französisch nur geringfügig vom Standardfranzösisch ab. Exemplarisch möchte ich die Zahlwörter nennen:

Zahl             Schweiz                 Frankreich

70               Septante                 Soixante-dix

80               Huitante                  Quatre-vingt

90               Nonante                  Quatre-vingt-dix

Gerade beim Simultandolmetschen, wo man wenig Zeit hat, finde ich die kürzeren Zahlen, die näher an der deutschen Sprache sind, sehr praktisch.

Circa 8,1 % der Schweizer Bevölkerung haben Italienisch als Muttersprache. Sie leben hauptsächlich im Tessin und in den südlichen Teilen Graubündens. Rätoromanisch sprechen nur noch einige Zehntausend Personen (0,5% der Bevölkerung) in einzelnen Gegenden in Graubünden.

In Artikel 4 der Schweizer Bundesverfassung werden  vier Landessprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch) bestimmt. Artikel 18 garantiert das Prinzip der Sprachenfreiheit, Artikel 70 definiert die Amtssprachen (Deutsch,  Französisch und Italienisch). Alle amtlichen Texte des Bundes wie Gesetzestexte, Internetseiten, Broschüren, Gebäudebeschriftungen usw. müssen auf Deutsch, Französisch und Italienisch verfasst werden. Im Verkehr des Bundes kommt das Rätoromanische hinzu. In der Schweiz leben ca. 25% Migranten, die ebenfalls zur Sprachenvielfalt beitragen. Englisch und Portugiesisch sind die am häufigsten gesprochenen Fremdsprachen.  Hinzu kommt, dass sich der Europa-Sitz der Uno und viele Nichtregierungsorganisationen, Verbände und kulturelle Organisationen, die Dokumente in verschiedenen Sprachen produzieren und einen hohen Bedarf an Dolmetschern  haben, in der Schweiz befinden, was die sprachliche und kulturelle Vielfalt des Landes zeigt.
Wie erlebte ich die Mehrsprachigkeit bei meinen Einsätzen in der Schweiz? Auf jeden Fall sehr positiv.  Die Vorbereitung auf eine Konferenz ist deutlich leichter als in Deutschland, da ich fast das komplette Material in meinen beiden Arbeitssprachen (Deutsch und Französisch) bekommen habe. Wenn ich weitere Informationen recherchieren musste, hat mir das Internet enorm weitergeholfen. Die meisten Webseiten sind mindestens dreisprachig, oft sogar viersprachig, so dass ich einzelne Begriffe exakt recherchierten konnte. In Deutschland verfügen selbst große Firmen nur über eine englische Version ihrer Webseite. Ganz selten findet man eine französische Übersetzung der Webseite.
Bei Konferenzen wird  in der Schweiz aufgrund des hohen Bedarfs häufiger mit mobilen Personenführungsanlagen anstelle von  Dolmetsch-Kabinen gearbeitet, da die Veranstaltungen oft kleiner sind. Manchmal kommen nur 3-5 Teilnehmer, die eine Verdolmetschung benötigen, aus einem anderen Kanton. Die Dolmetscher sind in diesen Fällen näher am Geschehen.
Gerne würde ich diese Eindrücke 2018 vertiefen und weiter darüber berichten.

(1) www.eda.admin.ch/aboutswitzerland/de/home/gesellschaft/sprachen.html

Sport(gerichtsbarkeit)

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich nicht nur privat, sondern auch beruflich sehr für Sport interessiere. Aus diesem Grund sind Dolmetscheinsätze im Sportbereich für mich immer ein besonderes Highlight. Exemplarisch möchte ich heute einen Einsatz beim DFB-Sportgericht beschreiben, bei dem ich (Mitglied eines Bundesligaclubs) mein Interesse für Fußball  mit meinen Kenntnissen aus Einsätzen für die Justiz hervorragend kombinieren konnte.
Das DFB-Sportgericht, die 1.Instanz der deutschen Sportgerichtsbarkeit, wurde 1963 zusammen mit der Bundesliga gegründet. Sitzungsort ist die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main. Es ist zuständig für die Bundesligen und die Regionalligen. Die Besetzung des Gerichts  und das Verfahren gleichen einem Strafverfahren in der ordentlichen Gerichtsbarkeit.  Richter und Mitarbeiter des DFB-Sportgerichts arbeiten ehrenamtlich.
Das Sportgericht kann Sanktionen gegen Vereine oder Spieler wegen Fehlverhaltens erlassen.  Erhält der Spieler eine Rote Karte durch den Schiedsrichter, legt das Sportgericht das Strafmaß je nach Härte des Fouls oder der Unsportlichkeit fest. Wenn beide beteiligten Vereine die Strafe akzeptieren, ergeht ein schriftliches Urteil. Sollte allerdings einer der  Vereine Widerspruch einlegen, findet eine mündliche Verhandlung vor dem Sportgericht in Frankfurt statt. Dies trifft nur auf ca. 20% der Fälle zu. Das Verfahren, in dem die Sache neu aufgerollt wird, wird von einem Vorsitzenden Richter geleitet. Vertreten sind ferner:  Beisitzer,  Kontrollausschuss,  Schriftführer, der Beschuldigte in Begleitung eines Verteidigers. Der Kontrollausschuss hat quasi die Funktion der Staatsanwaltschaft, entscheidet über die Aufnahme von Ermittlungen, Anklageerhebung und stellt einen Strafantrag.  Nach Aufruf der Sache wird in den Sachstand eingeführt, die Beweisaufnahme eröffnet, der Beschuldigte angehört und Zeugen (gefoulter Spieler, Schiedsrichter) vernommen. Anschließend erfolgen die Plädoyers des Kontrollausschusses (Strafantrag) und des Verteidigers. Nach einer kurzen Beratung verkündet das Gericht das Strafmaß. Sollten die Parteien mit dem Urteil nicht einverstanden sein, können sie beim DFB-Bundesgericht (2. Instanz) Einspruch einlegen.
Ich dolmetschte für einen französischsprachigen Spieler, dessen Sperre durch das Urteil um ein Spiel reduziert wurde. Der Spieler und die ihn begleitenden Vertreter des Vereins waren mit diesem Urteil nicht sonderlich zufrieden. Theoretisch kann es aber passieren, dass die Strafe sogar noch härter ausfällt.

Eurobetriebsräte

Liebe Leser, heute möchte ich über einen konkreten Einsatzbereich im Rahmen meiner Tätigkeit berichten. Seit Ende der 1990er Jahre dolmetsche ich regelmäßig bei Eurobetriebsratssitzungen (EBR) eines großen Automobilzulieferers.

In der EU gibt es zahlreiche Unternehmen mit Niederlassungen und Tochterunternehmen in verschiedenen Ländern. Entscheidungen werden oft am Hauptsitz getroffen und müssen in den einzelnen Ländern umgesetzt werden. Eine Arbeitnehmervertretung, die nur im nationalen Rahmen agieren kann, würde den modernen Entscheidungsstrukturen nicht mehr genügen. Laut EBR-Richtlinie vom 22. September 1994, die durch das Gesetz über Europäische Betriebsräte (EBRG) vom 28. Oktober 1996 (BGBl. I S. 1548) in deutsches Recht umgesetzt wurde und am 6. Mai 2009 auf EU-Ebene novelliert wurde (EU-RL 2009/38 EG), können Konzerne oder Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigen in Europa und mindestens 150 Beschäftigten in zwei Ländern einen EBR gründen, wenn mindestens 100 Beschäftige Verhandlungen zur Gründung eines EBR beantragen. Die Bildung eines EBR wird vom Besonderen Verhandlungsgremium, das aus dem zentralen Management und Arbeitnehmerdelegierten besteht, ausgehandelt. Das Gremium verhandelt über den Inhalt einer EBR-Vereinbarung. Diese regelt die Größe und Zusammensetzung des EBR, der aus einem Vorsitzenden, einem stellvertretenden Vorsitzenden, 5 Mitgliedern im Geschäftsführenden Ausschuss und deren Vertreter sowie weiteren Mitgliedern im Plenum bestehen soll. Im Durchschnitt umfasst ein EBR 30 Mitglieder aus verschiedenen Ländern. Ferner werden in der EBR – Vereinbarung die Anzahl der Sitzungen des Plenums (eine Sitzung mit dem zentralen Management pro Jahr) und des Geschäftsführenden Ausschusses (2-4 jährliche Sitzungen) vereinbart. Auch die finanzielle Ausstattung des EBR, Verdolmetschung von Sitzungen und Übersetzung von Sitzungsdokumenten werden geregelt.

Nach Unterzeichnung der EBR-Vereinbarung werden die Delegierten für den Eurobetriebsrat in den verschiedenen Ländern gewählt und in den EBR entsandt. Die Anzahl der EBR-Sitze eines Landes hängt von der Beschäftigtenzahl in dem jeweiligen Land ab. Jedes Land im Geltungsbereich der Richtlinie, in dem eine Betriebsstätte besteht, erhält mindestens einen Sitz. Für Länder mit einem größeren Belegschaftsanteil (bezogen auf die Gesamtbelegschaft) gilt folgende Staffelung: ab 10% der Belegschaft 2 Sitze, ab 20% der Belegschaft 3 Sitze, ab 30% der Belegschaft 4 Sitze usw.

Bei der konstituierenden Sitzung werden der Vorsitzende, Stellvertretende Vorsitzende, die einzelnen Mitglieder des Geschäftsführenden Ausschusses mit Vertretern für die Dauer von vier Jahren gewählt.

Durch die Arbeit des EBR haben Arbeitnehmervertreter das Recht, von der Firmenleitung über die Geschäfts- und Beschäftigungslage, Umstrukturierungen, geplante Schließungen, Fusionen und Verlagerungen, die mindestens zwei Länder betreffen, informiert zu werden und dazu Stellung zu nehmen (Informations- und Konsultationsrecht). Im Gegensatz zu deutschen Betriebsräten besitzt der EBR keine weitreichenden Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte. Damit gleicht der EBR mehr einem europäischen Wirtschaftsausschuss. Auch wenn es nicht gelingt, Pläne des Managements komplett zu verhindern, können geplante Maßnehmen so verändert werden, dass sie weniger Beschäftige betreffen, Umstrukturierungen sozialverträglicher gestaltet werden oder Abfindungen besser verhandelt werden können. Hierzu leisten grenzüberschreitende Informationen einen wichtigen Beitrag.

Bei der Entwicklung der Kommunikation von Arbeitnehmervertretern und dem zentralen Management spielen sprachliche und kulturelle Unterschiede eine große Rolle. Dabei wäre es sehr hilfreich, wenn sich beide Parteien in einer gemeinsamen Sprache, wie Englisch, verständigen könnten. Englisch gilt als globale Management-Sprache, kann aber auch relativ schnell erlernt werden, um sich zumindest außerhalb der Sitzungen verständigen zu können. In der Regel haben besonders Delegierte aus Mittel- und Osteuropa, die seit der EU-Erweiterung 2007 Mitglieder im EBR sind, Defizite in diesem Bereich. Die Delegierten können dazu Sprachtrainings in Anspruch nehmen. Allerdings reichen diese Sprachtrainings nicht aus, um komplexen Sachverhalten während der Sitzungen zu folgen und dazu Stellung zu nehmen. Aus diesem Grund haben die Delegierten Anspruch auf die in der EBR – Vereinbarung garantierte Simultan-Verdolmetschung. Oft kommt nur ein Delegierter aus einem EU-Land, für den aber zwei Simultandolmetscher tätig sind, da sich die Dolmetscher alle 30 Minuten in der Kabine abwechseln. Bei meiner Tätigkeit für den genannten Automobilzulieferer wurde in den ersten Sitzungen Ende der 1990er Jahre nur in zwei Fremdsprachen (Englisch und Französisch) gedolmetscht. In den folgenden Jahren kamen durch Fusionen Italienisch und Spanisch sowie Polnisch, Rumänisch und Tschechisch aufgrund von Verlagerungen und der EU-Osterweiterung als Konferenzsprachen hinzu. Gleichzeitig sank die Zahl der Delegierten aus Westeuropa zugunsten osteuropäischer Arbeitnehmervertreter. Heute werden die Sitzungen regelmäßig in sieben Fremdsprachen verdolmetscht.

Leichte Sprache

In der letzten Zeit liest man immer häufiger den Begriff „Leichte Sprache“. Aber was verbirgt sich dahinter? Es handelt sich um eine Plansprache, die speziell für die schriftliche Kommunikation konzipiert wurde. Sie folgt den Regeln der deutschen Standardsprache, allerdings werden Grammatik und Wortschatz in reduzierter Form angewandt. Damit ist sie leichter verständlich. Laut Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Fremdsprachen, der 6 Kompetenzniveaus festlegt, entspricht Leichte Sprache dem Niveau A1.

Wer profitiert von Leichter Sprache? In Deutschland gibt es etwa 7,5 Millionen erwachsene funktionale Analphabeten. Darüber hinaus haben Personen aus bildungsfernen Elternhäusern, Menschen mit Lernschwierigkeiten, geistigen Behinderungen, Gehörlosigkeit oder Demenz, aber auch Personen mit anderen Erstsprachen Schwierigkeiten mit fachlichen Texten wie Verwaltungstexten (z.B. Rentenbescheide, Versicherungsverträge, Zeugenladungen) oder medizinischen Texten (z.B. OP-Aufklärungsbögen). Diesen Personen soll Zugang zu Informationen gewährt werden, damit sie selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können (barrierefreie Kommunikation). Insgesamt wird der Personenkreis, der von dem Zusatzangebot in Leichter Sprache profitieren wird, auf 20 Millionen Menschen geschätzt.

Inzwischen wurde für Personen mit geistiger Behinderung ein Rechtsanspruch auf Leichte Sprache gesetzlich verankert. Exemplarisch möchte ich das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) zitieren, das 2016 überarbeitet wurde. Paragraph 11 besagt: „Träger öffentlicher Gewalt im Sinne des § 1 Absatz 2 Satz 1 sollen Informationen vermehrt in Leichter Sprache darstellen.“ Die Bestimmung tritt zum 01.01.2018 in Kraft und gilt zunächst auf Bundesebene, wobei davon auszugehen ist, dass auch die jeweiligen Landesgesetze in den nächsten Jahren angepasst werden. Für die Betroffenen soll in den nächsten Jahren eine Datenbank mit Mustertexten behördlicher Schreiben in Leichter Sprache entstehen.

Leichte Sprache ist ein sehr junges Forschungsfeld. In der Vergangenheit gab es einige allgemeine Regeln wie „einfache, kurze Sätze“, „keine Negation“, „kein Konjunktiv“. Aber was sind einfache Sätze? Ein erstes, wissenschaftlich fundiertes Regelwerk erschien 2014, das von der Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim herausgegeben wurde. Hier ein Auszug der Regeln, die verschiedene Ebenen umfassen:

1.Zeichenebene:
• Zahlen werden als Ziffern geschrieben (10 statt zehn),
• Als Lesehilfe bei langen Wörtern Bindestrich oder Mediopunkt benutzen (Amts-gericht bzw. Amts•ˑgericht statt Amtsgericht),

2. Wortebene:
• Möglichst Grundwortschatz verwenden (Vogel statt Nymphensittich),
• Fach- und Fremdwörter vermeiden oder erklären, sofern sie für den Text zentral sind,

3. Satzebene:
• Aktiv statt Passiv,
• Indikativ statt Konjunktiv,
• Verbal- statt Nominalstil (Lisa freut sich sehr statt Lisas Freude ist groß),
• Eine Aussage pro Satz,
• Verneinung vermeiden (Peter ist gesund statt Peter ist nicht krank),

4. Textebene:
• Verwendung gleicher Wörter für gleiche Sachverhalte (Synonyme vermeiden),
• Zwischenüberschriften verwenden,
• Bebilderung altersgerecht gestalten,

5. Layout-Ebene:
• Listen statt Aufzählungen,
• Hervorhebungen durch Fett-Druck,
• Klare, nicht verschnörkelte Schriftarten verwenden,

Beispiel für eine Übersetzung in Leichte Sprache:

Ausgangstext:
Falls der Neffe nur einen Gegenstand erhalten und nicht als Miterbe an der Gesamtheit ihres Vermögens beteiligt werden soll, handelt es sich um ein Vermächtnis. Ein Vermächtnis ist die Verfügung, durch die der Vermächtnisnehmer einen Anspruch gegen Erben auf Übertragung eines einzelnen Gegenstands […] erhält.

Zieltext:
Ihr Neffe Jens bekommt ein Vermächtnis.
Das bedeutet:
Jens bekommt nur 1 bestimmte Sache von Ihnen.
Zum Beispiel:
Ihre goldene Uhr.
Sie haben in Ihrem Testament entschieden:
Jens bekommt keine anderen Sachen.

(Quelle: Niedersächsisches Justizministerium (2015): Vererben - Erben, www.mj.niedersachsen.de - Downloads)

Derzeit gibt es neben Büchern und Zeitungen bereits Rundfunknachrichten in Leichter Sprache. Kritiker befürchten, dass die Übersetzung von Texten in Leichte Sprache dazu beitrage, das Sprachniveau der Zielgruppen dauerhaft niedrig zu halten, da es nun keine Motivation für den Ausbau der Lesefähigkeiten gäbe. Das wird nicht der Fall sein, denn die Motivation für den persönlichen Ausbau von Lesefähigkeiten setzt eine Auseinandersetzung mit Texten voraus, die aber ohne geeignete Texte (in Leichter Sprache) gar nicht erst möglich ist. Leichte Sprache beweist auch hier ihre Brückenfunktion und kann für die genannten Zielgruppen ein Sprungbrett auf dem Weg zu Standardtexten werden.

Der Bereich Leichte Sprache ist für Autoren und Übersetzer besonders interessant. Der Bedarf an Leichte-Sprache-Texten ist groß und wird im Rahmen der gesetzlichen Umsetzungen als Instrument der Inklusion weiter ansteigen. Mit zunehmender Nutzung wächst das Potential Leichter Sprache, so dass es sich auch für (Werbe-) Texter und Unternehmen lohnen wird, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, um neue Zielgruppen zu erschließen oder sich als Pionier von der Konkurrenz abzuheben.

Tätigkeit als Mentorin im Rahmen des VKD Nachwuchsprogramms

Der Verband der Konferenzdolmetscher (VKD) im BDÜ e.V. vertritt die Interessen des Berufsstands der Konferenzdolmetscher. Er zählt über 650 Mitglieder, die in 32 Arbeitssprachen dolmetschen, und steht im engen Austausch mit Ausbildungsstätten für Konferenzdolmetscher. Anspruchsvolle Aufnahmekriterien tragen zur Qualitätssicherung bei. Neben zahlreichen Fortbildungsmöglichkeiten zur Weiterqualifizierung von Mitgliedern hat der Verband ein Programm zur Nachwuchsförderung ins Leben gerufen.

Das Nachwuchsprogramm erstreckt sich jeweils über zwei Jahre. Dabei werden Tandems aus Berufseinsteigern (Mentees) und erfahrenen Kollegen (Mentoren) gebildet. Die Programmkoordinatoren versuchen eine größtmögliche Übereinstimmung hinsichtlich der geografischen Nähe des Berufswohnsitzes und der Arbeitssprachen zwischen Mentees und Mentoren zu erreichen. Die Tandems schließen zu Beginn des Programms eine Zielvereinbarung, können aber selbst über die Ausgestaltung ihrer Zusammenarbeit entscheiden. In der Regel treffen sich die Tandems 1 Mal pro Monat zum Aufbau einer Vertrauensbasis und telefonieren bei Bedarf. Bei dieser Gelegenheit können die Berufseinsteiger Fragen stellen oder verschiedene Situationen des Berufslebens gemeinsam mit den Mentoren in aller Offenheit reflektieren. Die Mentoren sollten dabei ein ehrliches Interesse an der Entwicklung und der beruflichen Förderung ihrer Mentees haben. Das Programm schließt aber auch gemeinsame Dolmetscheinsätze bei Konferenzen oder die gemeinsame Bearbeitung umfangreicher Übersetzungsprojekte nicht aus.

Anfang Dezember 2016 fragte mich der Programmkoordinator, ob ich Interesse hätte, ein Tandem mit Monika Rup, einer jungen Berufseinsteigerin aus Heidelberg, die Anfang 2016 ihren MA-Abschluss als Konferenzdolmetscherin in den Sprachen Französisch und Englisch an der Universität Heidelberg gemacht hat, zu bilden. Fachgebiete der jungen Kollegin sind Jura und Kunst. Wir lernten uns bei einem Treffen vor Weihnachten in Heidelberg kennen und haben beschlossen, es „miteinander zu versuchen“ und für die Jahre 2017-2019 ein Tandem zu bilden. Ich bin gespannt, wie sich der Austausch entwickeln wird.

Frankreich – Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Am 20.10.2016 fand eine Auftaktveranstaltung zum Programm „Frankfurt auf Französisch – Frankreich Ehrengast der Buchmesse 2017“ im Frankfurter Congress Center im Rahmen der letztjährigen Buchmesse statt. Bei dieser Veranstaltung waren der damalige französischen Premierminister Manuel Valls und Kulturministerin Audrey Azoulay anwesend. Ich freute mich, die Simultanverdolmetschung deutsch-französisch-deutsch an diesem Tag übernehmen zu dürfen.
Der Ehrengastauftritt bei der Buchmesse vom 11.-15. Oktober 2017 bildet den Höhepunkt eines in ganz Deutschland stattfindenden französischen Kulturjahrs mit Veranstaltungen rund um die französische Sprache und Kultur. Der Startschuss fällt im März während der lit.Cologne und der Leipziger Buchmesse. Geboten werden hunderte Veranstaltungen aus unterschiedlichen Literatur- und Kultursparten wie Jugendliteratur, Comics, Digitalisierung, Theater, Kino, Musik u.v.m. in einer ganzen Reihe von Städten, u.a. Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Mainz, Düsseldorf (hier startet die Tour de France 2017), Essen, Köln, Aachen, Bonn. Frankophone Länder wie Belgien, die Schweiz, der Maghreb-Raum und einige afrikanische Staaten werden ebenfalls mit von der Partie sein. Während der Buchmesse wird Frankreich durch den Gastland-Pavillon präsent sein und in Zusammenarbeit mit verschiedenen kulturellen Institutionen in der Stadt Frankfurt kulturelle Veranstaltungen durchführen.

Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite von „Frankfurt auf Französisch“ unter http://www.francfort2017.com

Weihnachten und Silvester in Russland

Aufgrund des bis 1918 in Russland gebräuchlichen julianischen Kalenders, der eine Differenz von 13 Tagen zum heute üblichen gregorianischen Kalender aufweist, feiern die Russen Weihnachten und Silvester in „umgekehrter Reihenfolge“. Der 24.12. ist ein normaler Werktag. Die ersten Feierlichkeiten zum Jahreswechsel beginnen am 31.12.

Silvester/Neujahr:

Da das christliche Weihnachtsfest nach der Oktoberrevolution abgeschafft wurde, wurden bestimmte Bräuche einfach zum Neujahrsfest übernommen. Damit wurde der 31. Dezember zum wichtigsten Festtag in Russland, der sehr lange vorbereitet wird. Viele sind der Ansicht, dass das neue Jahr so verläuft, wie es an Neujahr begrüßt und gefeiert wird. Der Weihnachtsbaum wird am 30. oder 31.12 aufgestellt und geschmückt. Der Silvesterabend fängt für viele russische Familien gegen 22 Uhr mit Freunden und Verwandten zu Hause am reich gedeckten Tisch an. Drei Gänge – Salate, Hauptgang und Dessert- sind das Minimum bei einer klassischen Neujahrsfeier in Russland. Während des Essens wird das alte Jahr verabschiedet. Man wünscht sich: „Lasst alles Schlechte im alten Jahr bleiben und nehmen wir nur Gutes mit ins neue Jahr.“ Kurz vor Mitternacht beginnen die Uhren am Kreml-Turm am Roten Platz ihren Countdown, der im Fernsehen übertragen wird. Beim letzten Schlag stoßen die Russen mit Sekt an und wünschen einander «C Новым Годом» (Alles Gute zum neuen Jahr). Danach feiern die Erwachsenen weiter, während die Kinder ungeduldig auf „Väterchen Frost“ und seine Enkelin Snegurotschka (Schneemädchen) warten. Väterchen Frost bringt die Geschenke im Laufe der Nacht und legt sie unter den Tannenbaum, so dass die Kinder sie am 01. Januar direkt nach dem Aufstehen finden.

Weihnachten:

Das religiöse Weihnachtsfest war zu Zeiten der Sowjetunion verboten. Erst seit 1991 ist der 07. Januar wieder ein offizieller Feiertag und wird dementsprechend gefeiert. Am 07.Januar werden Freunde und Verwandte zu Hause empfangen. Seit den letzten Jahren besuchen mehr Leute die russische Kirche und nehmen an langen Weihnachtsgottesdiensten teil. Der zentrale Gottesdienst findet in der Moskauer Erlöserkirche statt. Es werden kleine Geschenke überreicht. Am 07. Januar begrüßen sich alle mit „C Рождеством Христовым», was eigentlich „Frohe Christliche Weihnachten“ bedeutet. Für viele ist Weihnachten die Fortsetzung von Silvester, für andere einfach eine Möglichkeit sich von der Arbeit auszuruhen. Nach Weihnachten beginnt wieder der Alltag, aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, noch einmal das Neue Jahr zu feiern. Wenn man sich auf den alten Julianischen Kalender bezieht, kann man am 13. Januar noch einmal Neujahr feiern. Es wind in Russland „altes neues Jahr“ genannt. Es ist zwar kein offizieller Feiertag mehr, aber das alte neue Jahr wird aus der Tradition heraus gefeiert. Russen feiern eben gerne. Für viele Leute ist es dann endgültig Zeit, den Weihnachtsbaum zu entfernen und Mitte Januar in den Alltag zurückzukehren

Liebe Kunden, liebe Geschäftspartner, liebe Kollegen,

Der Jahreswechsel ist ein günstiger Zeitpunkt, Ihnen herzlichen Dank zu sagen. Dank für Ihr Vertrauen, Ihre Treue und eine wertvolle und langjährige Zusammenarbeit. Wir werden unser Bestes tun, um Sie auch 2017 wieder verlässlich bei Ihren internationalen Projekten zu unterstützen. Für 2017 wünschen wir Ihnen viel Glück und Erfolg bei Ihren Vorhaben.

Herzliche Grüße

Beate Rademacher

Liebe Leser,

herzlich willkommen! Schön, dass Sie die Beiträge auf meinem Blog lesen. Als beeidigte Diplom-Dolmetscherin und Übersetzerin möchte ich mein Wissen und meine Erfahrungen aus meiner Tätigkeit mit Ihnen teilen. In Zukunft erscheinen hier sowohl Artikel mit fachlichem Ratschlägen und praktischen Tipps für eine erfolgreiche internationale Kommunikation, als auch Hinweise aus der Übersetzungsbranche, interessante Links oder Artikel über Sitten und Gebräuche in den jeweiligen Ländern meiner Hauptsprachen. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.


Herzliche Grüße

Beate Rademacher

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