Leichte Sprache

In der letzten Zeit liest man immer häufiger den Begriff „Leichte Sprache“. Aber was verbirgt sich dahinter? Es handelt sich um eine Plansprache, die speziell für die schriftliche Kommunikation konzipiert wurde. Sie folgt den Regeln der deutschen Standardsprache, allerdings werden Grammatik und Wortschatz in reduzierter Form angewandt. Damit ist sie leichter verständlich. Laut Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Fremdsprachen, der 6 Kompetenzniveaus festlegt, entspricht Leichte Sprache dem Niveau A1.

Wer profitiert von Leichter Sprache? In Deutschland gibt es etwa 7,5 Millionen erwachsene funktionale Analphabeten. Darüber hinaus haben Personen aus bildungsfernen Elternhäusern, Menschen mit Lernschwierigkeiten, geistigen Behinderungen, Gehörlosigkeit oder Demenz, aber auch Personen mit anderen Erstsprachen Schwierigkeiten mit fachlichen Texten wie Verwaltungstexten (z.B. Rentenbescheide, Versicherungsverträge, Zeugenladungen) oder medizinischen Texten (z.B. OP-Aufklärungsbögen). Diesen Personen soll Zugang zu Informationen gewährt werden, damit sie selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können (barrierefreie Kommunikation). Insgesamt wird der Personenkreis, der von dem Zusatzangebot in Leichter Sprache profitieren wird, auf 20 Millionen Menschen geschätzt.

Inzwischen wurde für Personen mit geistiger Behinderung ein Rechtsanspruch auf Leichte Sprache gesetzlich verankert. Exemplarisch möchte ich das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) zitieren, das 2016 überarbeitet wurde. Paragraph 11 besagt: „Träger öffentlicher Gewalt im Sinne des § 1 Absatz 2 Satz 1 sollen Informationen vermehrt in Leichter Sprache darstellen.“ Die Bestimmung tritt zum 01.01.2018 in Kraft und gilt zunächst auf Bundesebene, wobei davon auszugehen ist, dass auch die jeweiligen Landesgesetze in den nächsten Jahren angepasst werden. Für die Betroffenen soll in den nächsten Jahren eine Datenbank mit Mustertexten behördlicher Schreiben in Leichter Sprache entstehen.

Leichte Sprache ist ein sehr junges Forschungsfeld. In der Vergangenheit gab es einige allgemeine Regeln wie „einfache, kurze Sätze“, „keine Negation“, „kein Konjunktiv“. Aber was sind einfache Sätze? Ein erstes, wissenschaftlich fundiertes Regelwerk erschien 2014, das von der Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim herausgegeben wurde. Hier ein Auszug der Regeln, die verschiedene Ebenen umfassen:

1.Zeichenebene:
• Zahlen werden als Ziffern geschrieben (10 statt zehn),
• Als Lesehilfe bei langen Wörtern Bindestrich oder Mediopunkt benutzen (Amts-gericht bzw. Amts•ˑgericht statt Amtsgericht),

2. Wortebene:
• Möglichst Grundwortschatz verwenden (Vogel statt Nymphensittich),
• Fach- und Fremdwörter vermeiden oder erklären, sofern sie für den Text zentral sind,

3. Satzebene:
• Aktiv statt Passiv,
• Indikativ statt Konjunktiv,
• Verbal- statt Nominalstil (Lisa freut sich sehr statt Lisas Freude ist groß),
• Eine Aussage pro Satz,
• Verneinung vermeiden (Peter ist gesund statt Peter ist nicht krank),

4. Textebene:
• Verwendung gleicher Wörter für gleiche Sachverhalte (Synonyme vermeiden),
• Zwischenüberschriften verwenden,
• Bebilderung altersgerecht gestalten,

5. Layout-Ebene:
• Listen statt Aufzählungen,
• Hervorhebungen durch Fett-Druck,
• Klare, nicht verschnörkelte Schriftarten verwenden,

Beispiel für eine Übersetzung in Leichte Sprache:

Ausgangstext:
Falls der Neffe nur einen Gegenstand erhalten und nicht als Miterbe an der Gesamtheit ihres Vermögens beteiligt werden soll, handelt es sich um ein Vermächtnis. Ein Vermächtnis ist die Verfügung, durch die der Vermächtnisnehmer einen Anspruch gegen Erben auf Übertragung eines einzelnen Gegenstands […] erhält.

Zieltext:
Ihr Neffe Jens bekommt ein Vermächtnis.
Das bedeutet:
Jens bekommt nur 1 bestimmte Sache von Ihnen.
Zum Beispiel:
Ihre goldene Uhr.
Sie haben in Ihrem Testament entschieden:
Jens bekommt keine anderen Sachen.

(Quelle: Niedersächsisches Justizministerium (2015): Vererben - Erben, www.mj.niedersachsen.de - Downloads)

Derzeit gibt es neben Büchern und Zeitungen bereits Rundfunknachrichten in Leichter Sprache. Kritiker befürchten, dass die Übersetzung von Texten in Leichte Sprache dazu beitrage, das Sprachniveau der Zielgruppen dauerhaft niedrig zu halten, da es nun keine Motivation für den Ausbau der Lesefähigkeiten gäbe. Das wird nicht der Fall sein, denn die Motivation für den persönlichen Ausbau von Lesefähigkeiten setzt eine Auseinandersetzung mit Texten voraus, die aber ohne geeignete Texte (in Leichter Sprache) gar nicht erst möglich ist. Leichte Sprache beweist auch hier ihre Brückenfunktion und kann für die genannten Zielgruppen ein Sprungbrett auf dem Weg zu Standardtexten werden.

Der Bereich Leichte Sprache ist für Autoren und Übersetzer besonders interessant. Der Bedarf an Leichte-Sprache-Texten ist groß und wird im Rahmen der gesetzlichen Umsetzungen als Instrument der Inklusion weiter ansteigen. Mit zunehmender Nutzung wächst das Potential Leichter Sprache, so dass es sich auch für (Werbe-) Texter und Unternehmen lohnen wird, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, um neue Zielgruppen zu erschließen oder sich als Pionier von der Konkurrenz abzuheben.

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